Heute in der S-Bahn nach Zürich. Ich im Abteil, Rest frei. Du kommst rein, setzest Dich hin und grüssest mich freundlich. Du fragst nicht ob frei ist hier, was das übliche Ritual wäre. Dafür grüssest Du, was üblicherweise niemand macht. „Tschuldigung-ist-hier-frei-merci“ Ruhe und aus dem Fenster schauen. Das ist das Normale. Du nicht!. Deine Zigaretten legst Du auf das Fensterbrett – mit Feuerzeug. Erst allmählich sehe ich, Du etwa in meinem Alter, dass Du zitterst. Dein überschlagenes Bein ist unablässig in Bewegung. Du pfeifst ständig durch die Zähne. Es ist dieses nervige Zischpfeifen, das alle verrückt macht und Zeichen Deiner Nervosität ist. Dann nimmst Du plötzlich eine Schnupftabakdose und ziehst ein Häufelchen ein. Du tust mir leid. Du bist nicht allein, es gibt einige wie Du. Natürlich glaube ich wie viele auch, die so enden seien selber schuld. Dennoch lässt das Bild an Dich mich nicht los. Du bist ein Mensch wie ich. Etwa im selben Alter. Hast Beine und Arme wie ich auch. Wie kommt solches? Der einfachste Trost ist die Aussage, dass halt jede Gesellschaft ein paar Prozente solcher Menschen hat und sie mittragen muss und auch mitragen kann. Abhaken, einordnen, statistisch erledigt. Komplizierter wird es, wenn man erkennt – wie ich – dass es im Laufe der Zeit irgendwie mehr davon hat. Der Schritt zum nächsten Gedanken, jenem der kranken Gesellschaft nämlich, ist dann nur kurz. Doch weist man den weit fort von sich da man ja – als politisch denkender Mensch – sagen müsste, wie die Gesellschaft zu kurieren wäre. Es gibt natürlich Menschen, mit sehr klaren und einfachen Rezepten. Diese Rezepte haben sicher etwas. Aus meiner liberalen Sicht aber greifen pauschale Urteile und Remeduren immer zu kurz. Ich denke, wir sind in unserer Gesellschaft konfrontiert mit verschiedenen Gesellschaftsschichten und verschiedenen Lebensstilen. Wer weiss denn, ob Du Dich in Deiner Haut nicht doch irgendwie wohl fühlst? Vielleicht willst Du gar niemand anderes sein als der zischpfeifende, Schnupftabak konsumierende Mensch. Es gibt so viele Wege durchs Leben zu gehen. Natürlich möchte ich aber von meinem nicht abkommen. Vielleicht gehört es aber auch zu liberaler Toleranz, auch Lebensstile wie Deinen Ernst zu nehmen und mit Respekt zu begegnen. Gut hast Du mich nicht nach Geld gefragt. Ich hätte wohl ein Gespräch mit Dir begonnen. So rede ich zu Dir halt indirekt. Viele Grüsse